Was für eine schöne junge Frau. Blondes Haar und ein engelgleiches Gesicht. Am Bahnhof schwebt sie an mir vorbei und ich kann nicht anders als ihr nachzusehen – und bin entsetzt. Ihr Haar ist struppig und verfilzt, sie trägt einen dünnen himmelblauen Umhang, der fast durchsichtig ist und mehr von ihr enthüllt als er verdecken könnte. Sie geht barfuß, was den Dreck an ihren Füßen erklärt.
Mein Weg führt in dieselbe Richtung, den auch sie einschlägt. Dann bleibt sie stehen und schnorrt jemanden um eine Zigarette an. Ich spreche sie an, duze sie, was sonst nicht meine Art ist. Niedrigschwellige Kontaktaufnahme mag man das nennen. „Brauchst du etwas?“
Ich würde ihr so gern etwas Gutes tun. Aber sie schaut mich nur groß an. Will bloß eine Zigarette. Habe ich nicht. Dann trennen sich unsere Wege. Wieder schaue ich ihr nach, minutenlang, und ich erinnere mich daran, dass man Menschen, die Hilfe brauchen, nachgehen soll, auch, wenn sie diese Hilfe (zunächst) ablehnen. Also gehe ich ihr nach, buchstäblich, und spreche sie erneut an: „Magst du etwas essen oder trinken?“ Wieder lehnt sie ab.
Ich habe es versucht, ich hätte ihr helfen können mit Essen und Trinken, mit Kleidung, einer warmen Dusche und einem Bett für die Nacht. Die Bahnhofsmission ist nur eine Wendeltreppe entfernt. Hier hätte ich alles auf den Weg bringen können. Aber sie hat ihren freien Willen und den gilt es zu respektieren, auch von mir.
Dennoch bleibt sie in meinen Gedanken. Und für ein mögliches Wiedersehen – mein Angebot steht. Für sie wie für jede und jeden gerade am Bahnhof, die und der etwas braucht. Dafür sind wir da. Nicht umsonst heißt es: Nächste Hilfe: Bahnhofsmission.
Das Foto ist KI generiert.