Zu Weihnachten schrieb mir ein alter Freund eine Mail, die mich sehr bewegt hat.
Er zitiert darin das Graffito eines Abschlussjahrgangs des Hamburger Gymnasiums Blankenese. Am Giebel ihrer Schule ist da zu lesen:
„Mit einer Weisheit, die nicht zu lachen versteht,
einer Philosophie, die keine Tränen kennt,
und mit einer Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt,
wollen wir nichts mehr zu tun haben.“ (Khalil Gibran)
Jenseits aller Schulkritik, die hier womöglich zur Sprache kommt, sprechen diese Worte eine tiefe Wahrheit aus, eine Wahrheit, die in der Weihnachtszeit besonders aufsehen und aufhorchen lässt.
Weihnachten, das „Fest der Menschwerdung Gottes“, Epiphanias, das „Fest der Erscheinung Gottes“ in der Welt.
Ist das zu viel an Theologie, an Kirchen-Sprech, an geschwollenen Worten?
Dann hier noch einmal im Klartext: im erwähnten Giebeltext geht es um die Verneigung vor dem Kleinen und Schwachen.
Die Weihnachtserzählung macht diesen Zusammenhang sehr deutlich in der Verehrung der Heiligen Drei Könige an der Krippe Jesu.
Das meint Weihnachten, dass der Große und Starke sich vor dem Kleinen und Schwachen verneigt.
„Er äußert sich all seiner G’walt,
wird niedrig und gering
und nimmt an eines Knechts Gestalt,
der Schöpfer aller Ding,
der Schöpfer aller Ding.
Er wechselt mit uns wunderlich:
Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns in seins Vaters Reich
die klare Gottheit dran,
die klare Gottheit dran.“
Melodie und Text: Nikolaus Herman (1480–1561) 1554/1560
Im Bild: Khalil Gibran und das Hamburger Gymnasium Blankenese