Jedes Jahr sterben in meiner Stadt Kassel mehrere Dutzend Menschen, die keine Angehörigen hatten. Niemanden, der oder die sie aus ihrem Leben hätte begleiten können oder wollen; manchmal aus einem geordneten, bürgerlichen Leben, manchmal aus desolaten sozialen Verhältnissen.
Um ihre Beerdigung kümmert sich das Ordnungsamt, eine Diakonin oder ein(e) Pfarrer(in) hält eine kleine Trauerfeier. Nur Wenige sind dabei, denen diese Abschiednahme wichtig ist, Betreuungspersonen oder Bürger, die den Verstorbenen eine letzte Ehre erweisen wollen.

Und dann gibt es noch – wie heute – eine jährliche Veranstaltung, in der jede und jeder Gestorbene namentlich genannt und eine Kerze für diesen Menschen entzündet wird. Besinnliche Texte und Musik runden die Feierstunde ab. Es ist immer wieder ergreifend, dabei zu sein, sich zu erinnern an diesen oder jene, nicht selten Gäste in der Bahnhofsmission oder Bürgerinnen und Bürger, von deren Alleinsein kaum jemand wusste. ANSEHEN heißen diese Veranstaltungen, und so soll es sein, dass die, die oft übersehen wurden, hier angesehen werden.

Dass neben städtischen auch Kirchenvertreter vorkommen, hat einen gewichtigen Grund, lautet doch ein Grundsatz unseres Glaubens: Unsere Toten fallen nicht einfach ins Nichts. Sie sind aufgehoben bei Gott. Niemand kann verloren gehen. Das ist ein mutiger und verwegener Glaubenssatz, ich weiß. Aber er hat einen Grund: Ostern, die Auferstehung Jesu Christi als Erstem von Allen. Denen mit Angehörigen und allen Anderen.

Immer wieder schön auch, das Gedicht von Marie-Luise Kaschnitz zu hören, in der farbenprächtigen Herz Jesu Kirche von Pastoralreferent Stefan Ahr vorgetragen:

Glauben Sie, fragte man mich,
an ein Leben nach dem Tod?
Und ich antwortete: Ja.
Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben,
wie das aussehen sollte dort.
Ich wusste nur eines:
keine Hierarchie auf goldenen Stühlen sitzend,
kein Niedersturz verdammter Seelen.
Nur,
nur Liebe, frei gewordene,
niemals aufgezehrte, mich überflutend.
Mehr also, fragte der Frager,
erwarten Sie nicht nach dem Tod?
Und ich antwortete:
Weniger nicht.

Die nächste Gedenkfeier „Ansehen“ findet am 17. April 2027 statt, dann für die ohne Angehörigen Gestorbenen des Jahres 2026 – im Museum für Sepulkralkultur am Weinberg in Kassel, 17.30 Uhr.