Mein Gegenüber einen Hundefreund zu nennen wäre ebenso falsch wie ihn als Hundehasser zu bezeichnen. Hunde mögen, aus seiner Sicht, ganz lieb und nett sein, jedenfalls so lange sie nicht unangenehm auffallen. Das tun sie dann, wenn sie bellen oder an einem hochspringen, auch dann, wenn der Hund vor Aufgeregtheit und Freude mit dem Schwanz wedelt und mein Gegenüber dabei berührt. Dann diese Sabberei und Bettelei bei Tisch. Das Fell schütteln kommt auch nicht gut an, schon gar nicht bei Regen; erst recht nicht das Erbrechen auf dem Wohnzimmerteppich. Dann wäre da auch noch das Haaren und … . 

Ja, so etwas – und mehr! – kann alles vorkommen und geschieht, wenn man seinen Vierbeiner bei sich hat und auf ein Gegenüber trifft wie mein Gegenüber.

Völliges Unverständnis zeigt mein Gesprächspartner nun aber, wenn die Rede auf Obdachlose und ihre Hunde kommt. >Lungern nur auf der Straße herum und betteln dann auch noch. Und der Hund sitzt daneben.<

Ja, Obdachlose und ihre Hunde.

Ich verstehe sie!! Und ich habe oft erlebt, wie sie an ihren Hunden hängen, wie sie mitleiden, wenn das Tier krank ist, wie ratlos sie sind, wenn die Tierarztrechnung für sie unbezahlbar ist.

Dabei ist für viele obdachlose Menschen ein Hund weit mehr als ein Haustier. Er ist, anders als alle anderen auf der Straße und überhaupt, ein verlässlicher Lebensgefährte, besonders wenn die eine oder andere menschliche Beziehung abgebrochen oder von Enttäuschungen geprägt ist.

Ein Hund bedeutet für Menschen, die draußen leben (und sei es zeitweise)

Nähe und Zuneigung: Der Hund bleibt bei seinem Menschen und vermittelt ihm das Gefühl, angenommen zu sein.

Ein Hund bietet Schutz und Sicherheit, besonders nachts. Das Leben auf der Straße oder in Parks u.s.w. sind nicht ungefährlich.

Ein Hund nötigt einem eine Tagesstruktur auf: Füttern, Ausführen und Versorgen geben dem Alltag Aufgaben und einen Rhythmus.

Für jemanden sorgen zu können, stärkt das Selbstwertgefühl und den Durchhaltewillen. Manche sagen: „Ich muss für meinen Hund weiterleben.“ Also: Hund = Verantwortung und Lebenssinn.

Und ein Hund schafft, zumal draußen, körperliche Nähe und Wärme und lindert die Einsamkeit.

Hunde schaffen nicht zuletzt Kontakte, ermöglichen und erleichtern ein Gespräch, sind somit so etwas wie eine Brücke zur Gesellschaft.

Wer kennt nicht die berühmten Zeilen

„Dass mir der Hund das Liebste sei,
sagst du, o Mensch, sei Sünde?
Der Hund blieb mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde.“

(Autor leider unbekannt)

Enttäuschung über Menschen und die unverbrüchliche Treue des Hundes in unsicherer Lebenslage, darum geht es.
Unterkünfte, Beziehungen und soziale Kontakte wechseln, der Hund bleibt.

Eine Obdachlose erzählte mir, dass sie nicht in einer Notunterkunft schlafen werde, „weil die meinen Hund nicht mit mir übernachten lassen wollen“. So bleibt sie lieber draußen.

Manche(r) sorgt sich auch, dass ihm oder ihr das Tier weggenommen werden könnte.

Obdachlose und ihre Hunde – man sollte diese Beziehung weder romantisieren noch verurteilen. Entscheidend ist, wie der Hund täglich versorgt wird. Häufig teilen obdachlose Menschen das Wenige, das sie besitzen, sehr fürsorglich mit ihrem Tier, wie mir auch schon erzählt wurde.

Das Leben von Menschen auf der Straße ist im Vergleich oft von kurzer Dauer. Erst kürzlich habe ich das erlebt: zuerst starb der Hund, wenige Monate später der Mensch; ein anderes mal starb der Mensch. Was wohl aus dem Hund geworden ist … ?

Foto: Chatgpt