Die junge Frau, vielleicht Mitte, Ende 30 hockt, von ihren wenigen Habseligkeiten umgeben, auf dem Asphalt und liest, neben ihr liegt entspannt ein Hund.
Von den Kunden des gegenüber liegenden Einkaufsmarktes erhofft sie sich etwas Münzgeld zum Leben Ich versuche, einen 5,- Euro Schein in die vor ihr stehende Sammelbüchse zu stecken und frage sie beiläufig: „Was lesen Sie denn da Schönes?“
Sie schaut auf den Titel des schon reichlich abgegriffenen Romans und sagt: “ Fitzek.“ „Ah“, sage ich, „ein Krimi“. „Ein Thriller“, korrigiert sie mich. „Schon fast durch … .“ „Alles heute gelesen … .“
„Ich habe noch nie ein Buch in einem durchgelesen.“ Sie antwortet, fast ein wenig entschuldigend: „Ich habe ja sonst nichts zu tun.“ Nun sind wir im Gespräch.
Eine Frau mit Hund vor einem Lebensmittelgeschäft, bettelnd. Obwohl – sie bettelt nicht im Wortsinn. Aber jeder, der den Laden betritt oder verlässt, versteht die Szene, spätestens beim Erblicken der Spendendose.
Sie ist obdachlos, ohne Obdach. Ja, sie weiß, dass es Notunterkünfte gibt, aber … ohne ihren Hund würde sie das nie machen, „außerdem sind da Überwachungskameras und der Besuch muss bis 22.00 Uhr gehen.“ „Die haben Angst, dass eine anschafft.“ Prostitution in städtisch vermieteten Immobilien, geht gar nicht. Überdies werde da geklaut und die Sauberkeit in diesen Bruchbuden … .“ Ich fühle es förmlich krabbeln und kribbeln.
Dann muss ich gehen. Eine nette Verabschiedung. Ich hätte mich gern noch weiter mit ihr unterhalten. Ein anderes mal vielleicht.
Jemand wirft noch einen Euro in die Sammelbox, die sich ein klein wenig gefüllt hat. Alle anderen huschen wortlos vorbei.
In Gedanken bleibe ich noch länger mit ihr im Gespräch. Wiedergesehen habe ich sie bisher nicht. Schade. Ich hätte unser Gespräch gern fortgesetzt. Auch, um zu erfahren, welchen Thriller sie gerade liest und überhaupt. (Foto: ChatGPT)